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Unterwegs in Berlins Mitte

Geschrieben von: Frau Mnich

Es ist Projektwoche am Melanchthon-Gymnasium Berlin. Wie für viele andere Schulklassen der Hauptstadt und des Landes erfolgt der Unterricht vor den Ferien in anderer Form. Dreißig Schüler aus drei siebten Klassen wählten unter vielen anderen mein Projekt.  Ab dem 25. Juni 2018 ging es aus unseren vier Dörfern Hellersdorf, Kaulsdorf, Biesdorf und Mahlsdorf in die große, bunte Stadt, um die Mahnmale und Gedenkstätten für die Opfer des Faschismus in Berlins Mitte kennenzulernen.


Als erstes sahen wir im Roten Rathaus die Einschusslöcher des Zweiten Weltkrieges. Wir hatten die Stadt morgens um 9 Uhr noch ganz für uns allein, aber schon am Herbert-Baum-Denkmal vor dem Berliner Dom quollen die Touristenmassen aus den Bussen. Nach der Besichtigung der Neuen Wache mit der beeindruckenden Skulptur von Käthe Kollwitz begann der erste Vortrag am Ort der Bücherverbrennung. Anschließend verweilten wir im Innenhof der Humboldt-Universität an der Gedenkwand für die ermordeten Studenten und Dozenten der alma mater.


Besonders ergreifend war das Kinderdenkmal am Bahnhof Friedrichstraße. Im Schülerreferat erfuhren wir, dass die Züge in das Leben und in den Tod führten. Die Kinder in heller Bronze wurden durch die Kindertransporte nach Großbritannien gerettet, während die in dunkler Bronze gearbeiteten Kinder für die in die Vernichtungslager Deportierten stehen.  Wir gaben ihnen gelbe Rosen in die Hand.


An die Ballade „Kinderkreuzzüge“ von Bertolt Brecht, dessen Wohnhaus und Grab wir im Januar besuchten, erinnerten wir uns an dieser Stelle. Die Dreizehnjährigen sind an dieser Skulptur zutiefst betroffen.


Am Dienstag war der Reichstag voller Leben. Unser Weg führte uns zu den verschiedenen Denkmälern, die an die ermordeten 96 Reichstagsabgeordneten, an die Sinti und Roma, an die Homosexuellen sowie an die Opfer der „Euthanasie“ erinnern, wobei insbesondere der Schülervortrag zu der oftmals vergessenen Gruppe der Sinti und Roma den Horizont der Schüler erweiterte.


Auch das stark frequentierte Holocaustmahnmal sowie das sowjetische Ehrenmal für die in der Schlacht um Berlin gefallenen Rotarmisten wurden von den Schülern lebhaft erkundet.


Am dritten Tag fuhren wir in das Wohngebiet am Fennpfuhl, in dem 19 Straßen nach den antifaschistischen Kämpfern der Saefkow-Jacob-Bästlein-Gruppe benannt sind. Das Schicksal der einzelnen Ermordeten machte die Schüler sehr nachdenklich. Sie nutzten für ihre Vorträge in den jeweiligen Straßen die Broschüre „Antifaschisten in aller Munde“, die 2006 von Schülern des Georg-Christoph-Lichtenberg-Gymnasiums erstellt wurde, die in diesem Wohngebiet zu Hause waren.


Ähnlich verfuhren wir am Donnerstag im Kiez Frankfurter Alle Süd. Schüler der Mildred-Harnack-Schule und des Coppi-Gymnasiums hatten gerade die Broschüre „Unsere Straßen tragen große Namen“ herausgegeben, die jeder Schüler geschenkt bekam.  Einerseits waren viele Schüler durch die einzelnen Lebensläufe tief erschüttert, andererseits wurde den Teilnehmern immer klarer, warum es notwendig ist, sich auch heute noch mit diesen Beispielen für Mut und Widerstand zu beschäftigen.


In der Gedenkstätte Deutscher Widerstand in der Stauffenbergstraße sahen wir schon im Treppenaufgang Fotos der ermordeten Widerstandskämpfer, deren Gesichter und Biographien wir bereits an den Vortagen kennengelernt hatten. In der Ausstellung zur „Roten Kapelle“ habe ich den Schülern viele Informationen zum Aufbau und zur Bedeutung dieser Widerstandsgruppe gegeben, und Leonie fragte mich: „Woher wissen Sie das alles eigentlich?“


Am letzten Tag wurde in der Topographie des Terrors in der Stresemannstraße alles das  zusammengefasst, was wir uns die ganze Woche über erarbeitet hatten: Deutsche Menschen aller Altersstufen, unterschiedlicher Bildung und sozialer Schichten haben versucht, sich den Mächtigen des Hitlerfaschismus zu widersetzen. Sie haben mit ihrem Mut und ihrer Tapferkeit Haltung bewiesen und in diesem Kampf ihr Leben verloren. Wir können sie eigentlich gar nicht genug ehren.